Gaswerktherapie und Schneckensirup gegen Keuchhusten   

Gaswerktherapie und Schneckensirup gegen Keuchhusten

aktualisiert: 15.03.2018 09:43:10

Einführung

Zum Hundert-Jahr-Jubiläum des Gaswerkes von Flawil wurde kürzlich im Ortsmuseum Lindengut eine Ausstellung eröffnet. Bei seinen Recherchen stiess der Flawiler Historiker Anton Heer auf die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts praktizierte Keuchhustentherapie in den Gaswerken Flawil, Niederuzwil, Goldach und Schlieren. Man erhoffte sich eine Besserung durch die Einatmung von Ammoniakdämpfen, die bei der Verkokung von Kohle entstehen. Im Gaswerk Schlieren durften an Keuchhusten erkrankte Kinder mit Sand aus der Gasreinigungsanlage spielen und in Chur hielten sich Kinder ein bis zwei Stunden in der Nähe von Kokshaufen auf. Anton Heer gelangte an mich mit der Frage, ob mir etwas über diese Gaswerktherapie der Pertussis bekannt sei. Ich hatte meinen zermürbenden Keuchhusten etwa 1939 im Alter von sechs Jahren und erinnere mich, dass meine Mutter mit mir häufig in den Wald ging. Von der Möglichkeit, mich im Gaswerk Flawil Ammoniak «schnüfele» zu lassen, wussten meine Eltern anscheinend nichts, oder hielten nichts von dieser Methode. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass ich mich einfach nicht mehr daran erinnere. Hingegen war der Schneckensirup ein Hoffnungsträger. Apotheker und Drogisten liessen Schnecken (Weinberg-[?] oder Rossschnecken) zur Gewinnung des Hustensafts über ein Gitter kriechen. Dabei verflüssigte sich der Schleim und tropfte ab. Es scheint, dass dieser Sirup für damalige Verhältnisse recht teuer war. So entschloss man sich zur Selbsthilfe. Mein Vater weckte mich einmal beim Morgengrauen und wir begaben uns ins feuchte Tüfentobel in Flawil, wo wir einige Dutzend rote Rossschnecken sammelten. Sie wurden gründlich gewaschen und in einem Gefäss mit Zucker bedeckt. Der verflüssigte Schleim wurde dekantiert, verdünnt und nachgezuckert. Der Sirup schmeckte gut, war süss und wurde dreimal täglich als Dessert teelöffelweise verabreicht. Wir Kinder waren auch noch nicht so zart besaitet, dass wir uns geweigert hätten, die Medizin zu schlucken. Ganz im Gegenteil: im ‹ Gegensatz zur Misshandlung mit dem ewigen Fischtran war das Schneckenprodukt sehr lecker. Das Schicksal der Schnecken vergällte uns den Genuss nicht.
Wir möchten gerne etwas mehr über Gastherapie und Schneckensirup erfahren. Sicher erinnern sich noch viele Kollegen an den Kampf gegen den gefürchteten Keuchhusten und griffen nach jedem Strohhalm. Wir freuen uns über jeden Hinweis zu Ammoniak und Schnecken. Sicher leben noch einige Kollegen, die diese Therapien in ihrem Arsenal hatten oder selbst mit Gaswerkluft und Schneckenschleim behandelt wurden.
Dr. med. René Flammer, Wittenbach


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Schneckensirup