Das Geschäft mit den Heilpilzen

Quelle: Schweizerische Zeitschrift für Pilzkunde 4/2002 von Dr. René Flammer

Alle Lebewesen haben ihre Überlebensstrategien. Dazu gehört nicht nur die Suche nach pflanzlichen und tierischen Nahrungsquellen, sondern auch der Kampf gegen äussere und inner Feinde und Konkurrenten.

Besonders im Mikrobereich wimmelt es von Feinden, die bei gesunden Organismen antibiotischen und immunstimulierenden Aktivitäten zum Opfer fallen. Auch verfügt ein gesunder Körper über zahlreiche Mechanismen zur Ausmerzung krebsig entarteter Zellen. Derartige Strategien stehen Pilzen, Pflanzen und Tieren zu Verfügung.

Es besteht kein Zweifel, dass das Reich der Pilze ein noch wenig bekanntes und genutztes Arsenal therapeutischer Möglichkeiten in sich birgt, das sich nicht nur aus Exoten aus China und Japan beschränkt. Die Forschung der letzten 20 Jahre zeigt erfreuliche Fortschritte. Es fanden sich bei Reagenzglas- und Tierversuchen Hinweise auf Substanzen, die im Kampf gegen bakterielle und virale Infektionen, Kreislaufkrankheiten, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Hochdruck eingesetzt werden könnten. Doch bis dahin ist noch ein langer Weg.

Doch geschäftstüchtige Leute finden sich immer Abkürzungen. Aus noch so mageren Hinweisen und vagen Hoffnungsschimmer werden kurzerhand werbewirksame Heilslehren entwickelt. Aus der ruhenden Puppe, von der niemand weiss, was für ein Falter einst aus ihr schlüpfen wird, wird ein prächtiger Schmetterling prophezeit. In Japan und China werden von Pilzen als Beigabe Wirkungen erhofft, wie von Haifischflossen und Nashörnern. Und da der zivilisierte Westen in seiner Wohlstandsübersättigung sich von fernöstlichen Praktiken gesundheitliche Vorteile erhofft, die er in seiner Masslosigkeit verscherzt hat, muss nicht lange auf Gurus gewartet werden, die diese Marktlücken ausfüllen.

Die Werbung für Heilpilze ist recht aggressiv. Das Geschäft mit Heilpilzen boomt. Selbst mykologische Zeitschriften schein sich nicht mehr, Werbeseiten bereitzustellen.

In "La rivista dei funghi" (2) findet sich eine ganzseitige Werbung der Aneid Italia Srl. Darin werden folgende Pilze angepriesen.

  • Lentinula edodes (Shiitake). Wirkung: antitumoral, immunstimulierend, kräftigt die Milz, die Vitalität und die Abwehrmechanismen des Körpers.
  • Trametes versicolor (Kawaratake, Schmetterlingstramete), soll ebenfalls antitumoral, immunstimulierend wirken. Empfohlen gegen chronische Hepatitis und Hepatitis C.
  • Cordyceps sinensis (Tochukaso) gegen respiratorische Störungen, Impotenz und Libidoverlust.
  • Ganoderma lucidum (Reishi, Braunschwarzer Lackporling), entzündungshemmend, tumorhemmend, antiviral kardiotonisch, prophylaktisch gegen Atemwegserkrankungen, stärkt Leber und Herz.
  • Grifola frondosa (Maitake, Klapperschwamm). Immunstimmulierend, antitumoral, gegen Immunschwäche und postoperative Defizite.

Von besonderer Aktualität ist auch ein Champignon, Agaricus blazei, der in Tierversuchen antitumorale Wirkungen entfaltet. Er wird in Brasilien gezüchtet und dürfte die Märkte auch allmählich erobern.

Zur Herstellung der Pilzpulver: Technologie und Kultivierung nach japanischer Art in Kalifornien. Das endgültige Produkt wir in England zu Tabletten à 500 mg verarbeitet. Gemäss Werbung der Aneid: "sono prodotti integrali, naturali ed efficaci."

Gesundheit aus der Natur! Ein Schlagwort. Natur gegen Chemie! Dabei ist die Natur eine riesige chemische Fabrik, die auch hochtoxische Naturprodukte erzeugt.

In der Frauenzeitschrift "Brigitte" (1) bringt Dr. M. Rudert in einem Kurzartikel über Heilpilze unter dem Titel "Hut ab" das Thema auf den Punkt: "Und selbst , wenn Sie nicht an die Heilwirkungen glauben, sollten Pilze regelmässig auf dem Speiseplan stehen, es müssen ja nicht immer Exoten sein. Auch Champignons, Pfifferlinge und Steinpilze sind sehr gesund. Sie enthalten fast kein Fett, dafür aber Ballaststoffe, viel Kalium...."

Heilmittel, die gegen fast alles wirken, was häufig ist und die Menschen besonders beunruhigt, kann man ruhig vergessen. Hinter den Anpreisungen stehen handfeste und psychologisch raffiniert verpackte wirtschaftliche Ambitionen.

Ein gesunder Mensch braucht keine Heilpilze. Für kranke Menschen jedoch besteht die Hoffnung, dass sich einige aktive Substanzen als Heilmittel etablieren werden. Der Weg dahin ist allerdings lang.

Ergebnisse aus Reagenzglas- und Tierversuchen lassen sich nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen. Dabei müssen unter anderen folgende Fragen abgeklärt werden: Welches sind Wirkungen und Nebenwirkungen der zu prüfenden Substanz, wie gross ist ihre therapeutische Breite, wie sind die Resorptionsverhältnisse, wie wird sie im Organismus verteilt und ausgeschieden? Zum Nachweis der Wirksamkeit sind Untersuchengen an einem grösseren Patienten unumgänglich. Dabei spielen Doppelblindversuche eine entscheidende Rolle, bei denen weder Arzt noch Patient wissen, ob sie die Wirksubstanz oder Placebo erhalten.

Wer sich für "Heilpilze" interessiert, kann sich im Internet in einer Fülle von Informationen tummeln. Ausführliche Informationen mit über 200 Literaturzitaten finden sich auch bei Stamets (3,4)

Anhänger fernöstlicher Natürlichkeit kommen dabei gleich mit einer Fülle Natürlichkeiten in Kontakt: Denn es ist doch ganz natürlich, dass Marktlücken geschaffen und genutzt werden - und ebenso natürlich ist es doch, dass sich Menschen auf der Suche nach ewiger Jungend leicht über den Tisch ziehen lassen.

Literatur

  1. Rudert M. "Hut ab". Brigitte 3/2002. 178.
  2. Aneid Italia Srl. La rivista dei funghi. 3/2002. 59. Milano
  3. Stamets p. Novel antimicobials from mushrooms. HerbalGram 2002: 54; 28-33
  4. Stamets P, Dusty Wu Yao C. Mycomedicinals. An information booklet on medicinal mushrooms. 1999. MycoMedia. Olympia USA.